• Michael Anker

Dunkle Materie

Sehen statt Denken



Einige der Projekte an denen ich derzeit arbeite, wurden aus den Tiefen des Schwarzweißfilms geboren. Wie kein anderes Material bietet es für mich die Möglichkeit, das was über das Gegenständliche hinausgeht, sichtbar zu machen. Der gute alte Schwarzweißfilm ist wie dunkle Materie, die das Sichtbare in sich aufnimmt und seine Tiefe im Schwarz des Films offenbart. Dazu zwei Aspekte.


Der erste Aspekt erwächst aus dem analogen Prozess, ein Bild mittels Films sichtbar zu machen. Der schöpferisch-handwerkliche Vorgang, der anders als die extrem optimierte digitale Fotografie Unschärfen und Ungenauigkeiten in sich birgt, der Zufälle zulässt und erst dadurch Magisches sichtbar machen kann.

Leere Schwarzweißfilme im Kamerarucksack und Filme mit latenten Bildern im Kopf, so ziehe ich los, um die Bilder in meinem Kopf mit denen in Deckung zu bringen, die sich unterwegs finden lassen. Die Bilder in meinem Kopf kenne ich nur vage. Sichtbar werden sie erst, wenn ich vor ihnen stehe. Orte, die ich fotografiere, besuche ich oft mehrfach bevor sich mir ein Bild offenbart. Manchmal stimmt das Licht nicht, manchmal fehlt der magische Funke. Es ist ein mühsamer und oft trügerischer Prozess. Trügerisch in dem Fall, in dem das später fertig entwickelte Bild nicht das zeigt, was ich zuvor sah. War wieder einmal das Denken stärker als das Sehen, das schwarze Loch tiefer als der helle Stern?


Der zweite Aspekt betrifft den Bildgegenstand. Das Bild ist eben nicht der Gegenstand selbst. Es ist eine Reduktion und kann trotzdem viel mehr transportieren. Eine Reduktion des dreidimensionalen Raums auf die zweidimensionale Fläche des Papierabzugs. Seine Verwandlung in ein Spiel aus Tönen zwischen Schwarz und Weiß kann Elemente transportieren, die jenseits von allem Materiellen liegen.

Vor neunzig Jahren schuf der französische Maler René Magritte das Ölbild einer Tabakspfeife und schrieb darunter „Ceci n’est pas une pipe.“, dies ist keine Pfeife. „La trahison des images“ - „Der Verrat der Bilder“, nannte Magritte das Wechselspiel zwischen Realität und Abbild. Gerade die Fotografie verleitet dazu, schnell beides gleichzusetzen. Fotografie gilt immer auch als Vermittler scheinbarer Authentizität. Entfernt man allerdings die Bildunterschrift oder den Kontext steht der Betrachter meist im Dunkeln. Dann kann er befreit von Vorgaben, in sich selbst nach Antworten suchen. Sich eigenen Gefühlen hingeben, die das Bild in ihm auslösen.


Einige der Bilder sind fast dreißig Jahre alt, andere kaum dreißig Tage. Ich habe den Faden wieder aufgenommen. Sie alle sind auf Rollfilm im Format 6x6 Zentimeter fotografiert.

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​© 2020 Michael Anker

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