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  • Michael Anker

Der dunkle Strom

Ein fast fiktives Tagebuch


Rückkehr an einen lange bekannten Ort – verbunden mit dem Aufleben eigener Erinnerungen. Schmerzhaftes Spüren von Verlust. Träge wie der Strom bahnt sich das Leben seinen Weg durch die Ebenen und trägt meine eigene Familiengeschichte mit sich fort. Ruhig und dunkel fließt er voller Erinnerungen an sich selbst und die Menschen an seinen Ufern. Der Himmel spiegelt sich in ihm, selbst in der Nacht. Dunkle Untiefen bleiben verborgen.


In den letzten drei Jahren habe ich mit meiner alten Hasselblad-Kamera und 120er Rollfilm meinen Kindheitserinnerungen im Oderbruch nachgespürt. Eine Auswahl der Bilder werde ich im Frühjahr 2023 in einem Buch in kleiner Auflage veröffentlichen. Jetzt halte ich gerade einen ersten Probedruck in den Händen. Das Buch teilt sich in zwei Kapitel: eines über die Landschaft und eines über meine Erinnerungen. Beide Teile trennt oder verbindet ein Essay von Kenneth Anders: „Auf schwankendem Grund“. Darin ordnet er die Inbesitznahme und Veränderung von Landschaften durch den Menschen ein.


Im ersten Kapitel „Der Schein trügt“ finden sich ein Teil der Fotos aus der „WasserOderLand“-Serie wieder, ergänzt durch neue Aufnahmen. Landschaft, die teilweise an Wildnis erinnert, aber doch Kulturland ist. Nichts ist mehr ursprünglich, selbst die Biotope sind gestalteter Raum. Dort wo sie sich überlassen wird, erinnert sich die Landschaft an sich selbst, an ihre Fruchtbarkeit und die Mythen die sie umranken. Splitter in ihrer Haut lassen sie ihre Verletzlichkeit spüren, halten ihre Schmerzen wach und erinnern sie an das Blut, welches sie aufsog. Trügerisch überwachsen die Narben.

Wie verletzlich die Oder ist zeigte sich zuletzt im August dieses Jahres, als die Einleitung von Schadstoffen im polnischen Oberlauf des Flusses hunderttausende Organismen tötete. Bis zur Mündung in die Ostsee säumten verendete Fische, Muscheln und Schnecken die Ufer. Ich selbst stand Anfang August bei Aufnahmen für das Buch bis zu den Knien im Wasser der Oder, nicht ahnend, dass der Fluss längst die tödliche Fracht trug.


Das zweite Kapitel „Heimaterde“ ist angeregt durch meine Familiengeschichte. Im Oderbruch kreuzten sich nach dem Ende des großen Krieges die Wege zweier Familien. Die meines Vaters lebte schon einige hundert Jahre in der Region: Mal im Bruch, mal auf den Hängen des Barnim-Plateaus. Die Familie meiner Mutter zog mit dem Treck aus dem Warthegau kommend durch das Oderbruch. Zweihundertfünfzig Jahre zuvor war sie dem Werben der russischen Zarin Katharina II., bis nach Hirschenhof/Irši in Lettland, gefolgt. Ab Seelow zog der Treck ohne meine Mutter weiter bis ins Weserbergland. Meinen Vater lernte sie beim Tanzen im „Schwarzen Adler“ kennen. Ein wesentlicher Teil der in diesem Teil des Buches versammelten Fotos sind auf dem Hof entstanden, dem ich meine Kindheitserinnerungen verdanke.



Technische Daten: Hasselblad 501CM, Planar 80mm F2,8, Distagon 50mm F4, Kodak TMAX 400, Ilford Delta 400


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