• Michael Anker

Ingo: Dieser Zug endet hier

Ein Fotosessay


Ist es gesellschaftlicher Konsens sich ständig mit anderen zu vergleichen, sich anzupassen, um geschmeidig im Strom mitzuschwimmen? Oder kann man sich aus der Spirale des gegenseitigen Observierens und Wertens herausnehmen, um einen abweichenden Lebensentwurf zu realisieren?


Viele sind auf der Suche nach ihrem Lebensglück, manche ein Leben lang. Andere erleben diesen Moment der Erleuchtung und wissen plötzlich wo ihr Platz ist. So muss es wohl auch Ingo ergangen sein, als er Anfang der 1990er Jahre aus Berlin ins Oderbruch zog. Irgendwo dort in den Kornfeldern kam sein Zug zum Stehen. Leistung, Anpassung und Wohlstand scheinen ihm keine erstrebenswerten Ziele zu sein. Sein Lebensentwurf ist eine eigensinnige Selbständigkeit, aus der er ein großes Maß persönlicher Freiheit schöpft. Unbeeindruckt von dem sich immer stärker polarisierenden Diskurs über gesellschaftliche Normen lebt er in einer Nische relativer Selbstisolation.


Dort wo bei anderen im Wohnzimmer Schrankwand, Couchtisch und Fernseher stehen, findet man bei Ingo schwere Technik der jüngeren Eisenbahngeschichte: Profile von Bahnschienen, riesige Hebel um Weichen und Signale zu bedienen oder historische Schaltschränke. An der Decke hängen, anstelle des sechsarmigen Kronleuchters, Antennen wie sie vor Jahrzehnten auf vielen Dächern standen. Diverse Anzeigetafeln und Richtungsanzeiger, die meisten voll funktionstüchtig, hängen dazwischen oder stehen im Raum. Eines seiner beiden Sofas wird links von einem elektromechanischen Anzeiger der Berliner S-Bahn begrenzt. Ich kann mich noch gut an ihre Zeit erinnern, zu Hunderten müssen sie existiert haben. Sie hingen unter den Dächern der S-Bahnsteige und wann immer sie umgeschaltet wurden, ratterten in ihnen die Blechtafeln, auf denen die Namen der Berliner Bahnhöfe geschrieben standen.


Nimmt man auf einem der beiden Sofas Platz, die wie im Kino hintereinander angeordnet sind, fällt der Blick auf eine große Kinoleinwand. An ihrer gegenüberliegenden Seite, im Rücken des Betrachters, stehen zwei große und diverse kleinere Kinoprojektoren. Die großen hat Ingo aus einem Strausberger Kino gerettet. Diese Maschinen funktionieren noch wie am ersten Tag. Ingo hat ein Händchen für Technik, so wie andere Leute einen grünen Daumen haben. Natürlich gehört zu seiner Sammlung auch ein Konvolut historischer 35 mm-Filme. Besucher dieses wahrscheinlich kleinsten Kinos Deutschlands haben zum Beispiel die Wahl zwischen einem alten Streifen der DEFA-Wochenschau „Der Augenzeuge“ oder dem in der DDR beliebten Zeichentrick-Film „Hase und Wolf“. Standesgemäß wird die Vorführung mit einem originalen Kino-Gong und dem Dimmen des Lichts eingeleitet.


Ingos Traum setzt sich im Garten fort. Hinter dem Haus lässt er auf einem etwa 80 Meter langen Rundkurs seine eigene Schmalspur-Bahn fahren. Der Besucher reist bequem auf ausgemusterten Sitzen der Berliner Straßenbahn. Neben der Strecke leuchten farbig die Anzeigen der Signale. Vorbei geht die Fahrt an diverser „abgelegter Technik zur Ersatzteilgewinnung“, die sich im ständigen Kampf mit der üppig wuchernden Natur befindet.

In seinem „Lok-Schuppen“ sind verschiedene Loren geparkt. Eine von ihnen hat er zu seinem mobilen Bett umgebaut. Im Sommer schläft er draußen auf der Strecke unter freiem Himmel. Bei Regen schiebt er sein „Bett im Kornfeld“ auf den Schienen in den Schuppen zurück und sichert die Räder mit einem Holzkeil.


Der Essay wurde anlässlich des Jahresthemas 2021 „Eigensinn“ für das Oderbruch-Museum Altranft produziert. (editiert 11/2021)

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